BoysNoize im Interview
“Ich bin ein Elektronikfrickler, der sich nach der Natur sehnt”

DJ, Tüftler, Weltstar: Der Berliner Alex Ridha über seinen Remixe für Depeche Mode, ein Duett mit Skrillex, den Kollegen David Guetta und seine eigene steile Karriere als BoysNoize.

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"Skrillex macht alles mit seinem Laptop, der hat meine Roland-Maschinen noch nie gesehen": Alex Ridha legt als BoysNoize noch selbst Hand an die Technik an

Als Label-Betreiber, Produzent, DJ und Remixer ist Alex Ridha (30), besser bekannt als Boys Noize, aus der internationalen Club-Kultur nicht mehr wegzudenken. Seine Live-Sets werden von London bis Tokio gefeiert; vom „DJ Magazine“ wurde er unter die Top 100 DJs weltweit gewählt. Bereits zu Schulzeiten arbeitete er als Resident DJ in den Clubs seiner Heimatstadt Hamburg. Später rief er das Elektropopprojekt Kid Alex ins Leben – ihr Song „Young Love (Topless)“ schaffte es bis nach Skandinavien in einen „Coca Cola“-Werbespot.

2003 zog Ridha nach Berlin und gründete sein eigenes Label Boys Noize Records, auf dem er auch sein Debütalbum „Oi Oi Oi“ veröffentlichte. Durch Remixarbeiten für Künstler wie Feist, die Black Eyed Peas, David Lynch und Daft Punk erlangte er internationale Reputation. Mittlerweile ist er auch als Produzent für andere Künstler tätig – unter seiner Mitwirkung entstanden die Alben „Ivory Tower“ des kanadischen Piano-Entertainers Chilly Gonzales und „Magic Hour“ von der New Yorker Popband Scissor Sisters.

Gerade hat der Wahl-Berliner sein drittes Album mit eigenen Stücken veröffentlicht. Der Titel „Out Of The Black“(Boys Noize/Rough Trade) mutet dabei an wie eine Jobbeschreibung, denn ab 14.11. wird er das Werk auch auf den dunkelsten Bühnen Deutschlands live vorstellen. Im Interview erzählt Boys Noize vom Plattendrehen als Kunstform, von Kollaborationen im Jugendzimmer von Snoop Dogg und Wasserkübeln als letztem Mittel.

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Mag auch Kraftwerk, aber das ist bei diesem T-Shirt vielleicht zu weit hergeholt: Alex Ridha, als BoysNoize deutscher DJ-Star

BRASH.de: Herr Ridha, was Sie früher mit Kid Alex gemacht haben, war fast Popmusik. Heutzutage sind Sie mehr der Techno-Typ, oder?

Alex Ridha: Ach, so richtig Techno bin ich ja gar nicht. Natürlich ist das Techno, House und Elektro, was ich als DJ spiele. Aber für meine eigene Musik mische ich das sehr gerne mit anderen Stilen. Ich würde mich jedenfalls nicht als Techno-Produzent bezeichnen. Ich würde eher den Grundbegriff elektronisch benutzen.

So oder so: In den letzten Jahren haben Sie sich als DJ, Remixer und Produzent international einen Namen gemacht und spielen im Ausland vor ausverkauften Hallen. Sind Sie neben Rammstein, Kraftwerk und Tokio Hotel nun so was wie der deutsche Vorzeige-Musiker?

Alex Ridha: Es freut mich natürlich, wenn Leute das so sehen. Es stimmt insofern, als dass es in der Tat nicht viele Deutsche gibt, die im Ausland so aktiv sind wie ich. Ich habe durch den Job diverse Kontinente bereist.

Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, es geschafft zu haben?

Alex Ridha: Das war 2006, als Depeche Mode mich gefragt haben, ob ich ihren Song „Personal Jesus“ remixen könnte. Martin Gore von Depeche Mode ist auch als DJ aktiv und entpuppte sich als Fan meines Labels. Die Band hatte 50 Leute nach Remixen gefragt, und am Ende wurden nur vier Stücke, darunter mein Remix, für ihre Platte genommen. Ich hatte wirklich Glück und dachte nur: Mehr kann nicht kommen.

Kennen Sie die Musiker, mit denen Sie zusammen arbeiten, überhaupt persönlich?

Alex Ridha: Bei Depeche Mode gab es dafür noch keine Gelegenheit, aber es gibt viele Künstler, die ich dann im Nachhinein getroffen habe. Bei Daft Punk war ich am Zittern vor Aufregung, weil ich selbst so ein großer Fan bin. Die haben mir viele Komplimente gemacht. Wenn Leute, die ich selbst klasse finde, meine Musik super finden, ist das für mich die größte Bestätigung.

Für Ihren Daft-Punk-Remix sollen Sie 600 Tonspuren geschickt bekommen haben. Kriegt man da nicht einen Nervenzusammenbruch?

Alex Ridha: Auf jeden Fall. Es hat allein schon Tage lang gedauert, sich da einzuhören. Es ging um einen Song vom „Tron“-Soundtrack, den ich geremixt habe – eine Riesen-Disney-Produktion mit Orchester und alles auch noch in 5.1. Surround-Sound. Das ist anders als die normalen Studiosongs, mit denen ich sonst zu tun habe. Ich habe dadurch aber auch viel gelernt.

Mit US-Dubstep-Star Skrillex haben Sie jüngst das Seitenprojekt Dog Blood ins Leben gerufen. Wie kam es denn dazu?

Alex Ridha: Ich habe Skrillex vor ein, zwei Jahren auf einem Festival kennengelernt. Er ist ein super netter Typ und total auf dem Boden geblieben – was man nicht von allen in der Szene behaupten kann. Als er mal in Berlin gespielt hat, habe ich ihn in mein Studio eingeladen. Er hat dann zwei Tage bei mir gepennt. Das war ganz lustig, denn er hatte in seinem Leben noch nicht diese ganzen Roland-Maschinen gesehen, die ich benutze. Er macht alles auf dem Laptop – das war schon ein Clash von zwei Welten. Skrillex geht ganz anders an seine Musik heran als ich an meine. Er ist mal ‘ne Generation jünger. Aber für mich ist das das Anspruchsvolle und Inspirierende, wenn man sich gegenseitig Dinge beibringen kann. Und weil wir etwas Neues schaffen wollten, habe wir das Ganze dann Dog Blood genannt.

Auf Ihrem neuen Album „Out Of The Black“ ist US-Rapper Snoop Dogg mit dabei. Wie lernt man den kennen?

Alex Ridha: Ich habe ihn einfach über Twitter angeschrieben! Wir haben uns dieses Jahr zwei Mal in L.A. getroffen. Das war ziemlich abgefahren. Er nahm mich mit in sein Appartement in Hollywood, das aussah, wie die Wohnung eines Jugendlichen mit Cannabis-Postern an der Wand – und eben gar nicht nach Blink Blink und Champagner, wie man es erwarten würde.

Apropos Blink Blink: Als DJ scheint sich im Musikbereich derzeit noch am besten Geld verdienen zu lassen. Leute wie Skrillex und David Guetta wurden vom US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ jüngst als „Electronic Cash Kings“ bezeichnet.

Alex Ridha: Mein Finanzamt scheint diesbezüglich auf jeden Fall ähnlich zu denken! Für elektronische Musik sind es derzeit goldene Zeiten, besonders weil Amerika total darauf abfährt. Dort werden plötzlich Riesenfestivals wie der Electric Daisy Carnival aus dem Boden gestampft. Und selbst beim Lollapalooza oder Coachella, die es schon ewig gibt, werden heute viel mehr DJs als früher gebucht. Es ist offensichtlich, dass die elektronische Musik im Popbereich angekommen ist. Und ich habe das Glück, davon profitieren zu können.

Was unterscheidet Sie denn von Ihrem umstrittenen, im Mainstream aber  überaus erfolgreichen Kollegen David Guetta?

Alex Ridha: Nun, er macht Popmusik. Ich finde Popmusik nicht schlimm. Allerdings interessieren mich seine Stücke nicht, denn für mich geht es in der elektronischen Musik nicht um den Song oder die Melodie, die perfekt sind. Für mich sind der Sound und die Art der Produktion entscheidend. David Guetta benutzt Sounds, die man als erstes auf einem Computer findet, wenn man danach sucht. Aber ich habe auch kein Problem mit seinem Erfolg. Ein DJ Guetta liebt ja auch, was er tut.

Sie selbst behaupten gern, das Plattendrehen sei Kunst.

Alex Ridha: Ja, so sehe ich das. Ich muss mich nicht wie andere Kollegen verbiegen oder das bedienen, was die Leute hören wollen. Ich ziehe nur mein Ding durch, und es funktioniert trotzdem. Das macht es für mich aus.

Dabei hat Techno doch gemeinhin ein eher schlechtes Image: Man denkt an die Loveparade, an Drogen, an billige Musik aus dem Computer…

Alex Ridha: Musik hatte doch immer schon mit Massen und Exzessen zu tun. Bei Jimi Hendrix war das nicht anders, und da gab es keinen Techno. Aber es stimmt schon, selbst meine Mutter hatte am Anfang die Einstellung, dass Musik nur Musik ist, wenn du Gitarre und Bongos spielst. Ich habe dann versucht, ihr zu erklären, dass ich auch Instrumente benutze, die Laute machen. Mein Studio ist voll mit analogen Roland-Synthesizern.

Sorgen Ihre DJ-Sets bei Ihrem Klientel für völlige Enthemmtheit?

Alex Ridha: Klar, ich kontrolliere ja die Gefühle der Leute in dem Moment. Ich habe im letzten Jahr in einem kleinen, verschwitzten Club in Paris aufgelegt. Neben mir hat sich eine Frau komplett nackt ausgezogen. Da half nur noch der Kübel Eis, den ich über sie geschüttet habe.

Was ist der Unterschied zwischen Ihrem normalen DJ-Set und den Liveshows auf der anstehenden Tour?

Alex Ridha: Ich werde auf Tour nur meine eigenen Songs live performen. Und das in dem Sinne, wie das eine Band tut: Man macht sich Gedanken, was man am Abend spielt. Als DJ ist man viel freier und intuitiver und kann jederzeit etwas verändern, um auf das, was auf dem Dancefloor passiert, einzugehen. Ich spiele als DJ auch immer nur das Neueste und gern Musik, die keiner kennt. Für die anstehende Tour habe ich mir ein paar Überraschungsmomente ausgedacht.

BoysNoize
Viel Skull, kein Candy: Alex Ridha a.k.a. BoysNoize hinter seinem mächtigen DJ-Pult im Pariser Club La Cigale (Foto: Katja Schwemmers)

Nämlich?

Alex Ridha: Wir haben Visuals, die auf das reagieren, was ich tue. Ich habe mir viele alte Konzerte von Kraftwerk angesehen. Ich fand das Zusammenspiel zwischen dem, was hinter ihnen abgeht, und ihrer Musik immer super. Außerdem habe ich noch einen fetten, futuristischen Totenkopf als Produktionselement auf der Bühne. Damit greifen wir das Cover-Artwork meines ersten Albums auf. Ich habe eine Crew von zehn Leuten auf Tour mit dabei, wir reisen im Nightliner. Das ist schon sehr viel mehr Rock’n’Roll.

In Ihrem Videoclip zu „Ich R U“ sieht man einen Menschen in Computer-Tastatur-Uniform, der am Ende den Weg aus der Tastenwelt in die Natur findet. Wie viel hat das mit Ihnen als Mensch zu tun?

Alex Ridha: Viel! Ich bin ein Elektronikfrickler, der sich nach der Natur sehnt. Ich habe einen Hund, ich gehe gerne in den Wald, um Entspannung zu finden und runter zu kommen. Ich sitze ja oft tagelang vorm Computer, Handy oder dem iPod und sehe nichts anderes als Bildschirme. Da ist das schon ein krasser Gegensatz, wenn man das erste Mal wieder nach draußen kommt.

Elektro:

BoysNoize – „Out Of The Black“ (BoysNoize Records), Oktober 2012.

boysnoize.com

„Out Of The Black“-Tour:

14.11.  Köln, E-Werk
15.11.  Hamburg, Docks
17.11.  München, Kesselhaus
18.11.  Berlin, Columbiahalle

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