Tocotronic im Interview
„Ich nehme den Monchichi, weil mein Pulli so flauschig ist“

Wer es in ein Mickey-Maus-Comic geschafft hat, ist wirklich oben angekommen. Die Band Tocotronic verbucht das auf der Habenseite und präsentiert mit „Wie wir leben wollen“ das 10. Album in ihrer 20-jährigen Geschichte. Wir trafen sie zum Interview.

Sehen nicht wütend aus, sind es manchmal trotzdem noch: Tocotronic im Studio. (Foto: Universal/Michael Petersohn)

Mitte der Neunziger wollten sie mit  Trainingsjacken „Teil einer Jugendbewegung“ sein, 20 Jahre später sind Tocotronic eine der wichtigsten Bands Deutschlands und finden sogar in den Tagesthemen statt. Pünktlich zu ihrem 20-jährigen Bandjubiläum erscheint mit „Wie wir leben wollen“ das zehnte Album der Hamburger Gruppe. Sänger Dirk von Lowtzow, Schlagzeuger Arne Zank und Gitarrist Rick McPhail sprechen im Interview über damals, heute und morgen, über Relevanz, Wut und Micky Maus.

BRASH.de: Auf Ihrer Homepage haben Sie 99 Thesen aus den Albumtexten veröffentlicht, die beschreiben „Wie wir leben wollen“. Welche würden Sie sich aussuchen?

Dirk von Lowtzow: Puh, dazu müssten wir die alle auswendig können. Sagen Sie doch mal, das fänd’ ich interessant!

Ich würde „als Prinzessin“ nehmen. Wegen der Schlösser.

Dirk von Lowtzow: Ja, das ist schön. Ich nehme den Monchichi. Weil mein Pulli heute so flauschig ist.

Arne Zank: Ich nehme „als Zeichentrickgestalten“, weil ich großer Trickfilmfan bin.

Rick McPhail: Und ich nehme die Haubitze.

Ein lustiges Spiel, aber um genau diese Frage geht es auf dem Album: Wie wollen wir leben?

Dirk von Lowtzow: Ja, um verschiedene Identitäten. Die Frage, wie wir leben wollen, hat mich deshalb interessiert, weil es nicht nur einen Weg geben muss, in einem Körper, als ein Wesen, sondern dass es wechselnde Identitäten gibt und man sozusagen singular plural sein kann. Diese Thematik tauchte auch in dem Stück „Wir sind viele“ auf unserer Kapitulations-Platte auf. Mich persönlich reizt das, diese Aufspaltung oder Verwandlung von einem Zustand in den anderen.

Tocotronic gibt es mittlerweile seit 20 Jahren. Macht man sich da schon mal Gedanken, was man eigentlich noch will?

Dirk von Lowtzow: Bestimmt, ja. Auch weil es nicht mehr selbstverständlich ist, dass man durch die Existenz als Rockmusiker oder Künstler automatisch ein Gegenmodell zur herrschenden Gesellschaftsordnung darstellt. Es ist eine sehr traurige und desillusionierende Feststellung, dass der Künstler heutzutage das paradigmatische Modell für den zeitgenössischen Kapitalismus ist. Oder einfacher ausgedrückt: Heutzutage müssen alle Künstler sein, kreativ sein. Das finde ich interessant, weil man vor zehn Jahren auf die Frage „wie will ich leben“ noch geantwortet hätte „natürlich als Rockmusiker“. Das ist sicherlich auch schön, aber heute eben von vielen Leuten gefordert. Das treibt einen schon um.

Wie steht es mit der eigenen Relevanz nach 20 Jahren im Musikgeschäft?

Dirk von Lowtzow: Die Frage ist mir zu selbstzerfleischend. Aber ich frage mich natürlich nach der Relevanz von Popmusik, die in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat. Einfach dadurch, dass alles schon mal gemacht wurde. Auf der anderen Seite sehe ich bei unseren Konzerten viele junge Leute, Frauen wie Männer. Das ist beides nicht selbstverständlich, oft altert das Publikum mit einem und schwindet. Aber wenn man das Gefühl hat, man schafft es mit 40 noch Lieder zu schreiben, die auch Teenager berühren, gibt einem das schon den Glauben an die Sache zurück.

Plan B von Tocotronic: ein gemeinsames Architekturbüro, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte. (Foto: Universal/Sabine Reitmeier)

Wie wütend sind Tocotronic 2013 noch?

Dirk von Lowtzow: Ich glaube wir sind noch genauso wütend. Aber die Wut äußert sich anders. Wir leben ja in einer unglaublich konservativen Zeit. Ich habe das Gefühl wir waren schon mal weiter, es ist alles viel homophober als in den Achtzigern und Neunzigern. Wir versuchen mittlerweile eine Gegenposition zu diesem Denkmainstream aufzubauen, statt die Sachen zu benennen, die uns missfallen. Denn das ist irgendwie langweilig geworden.

Rick McPhail: Man muss nicht schreien, um wütend zu sein, und ein Protestlied muss nicht wie die Bad Brains klingen. Man kann auch mit einer poppigen Platte eine Botschaft abliefern.

Tatsächlich klingen Ihre neuen Songs poppiger und verspielter, da sind Bläser und ein Glockenspiel.

Dirk von Lowtzow: Bei uns gab es schon immer zwei Pole. Zum einen diese krachige, noisige, an Neil Young und dessen Epigonen, an amerikanischem Postpunk und Rock orientierte Musik, die wir auf den letzten drei Alben sehr zelebriert haben, die wir damit aber ausgereizt hatten. Zum anderen waren wir aber schon immer Fans von Popmusik, was man unserem Weißen Album vielleicht anhört. Und wir hatten Lust, so etwas wieder zu machen.

Was hätten Sie gesagt, wenn Ihnen jemand diese Platte 1993 vorgespielt hätte?

Dirk von Lowtzow: Ich hätte das gut gefunden. Früher gehörte man ja noch mehr zu verschiedenen Gruppen, den Punks, Poppern oder Rockern. Aber ich fand das schon immer schwierig. Mit 17 war ich totaler Fan von Punk, Hardcore und Noise, fand aber gleichzeitig auch die Beach Boys, Go-Betweens und Prefab Sprout toll. Ja, ich hätte unser neues Album gut gefunden. Wobei manche Harmonien oder Gesangsbögen teilweise von Jazzharmonien beeinflusst sind, das hätte ich vielleicht nicht verstanden. Aber dafür wird man ja auch älter und entdeckt neue Musik.

Hätten Sie je gedacht, dass es Tocotronic 20 Jahre lang geben würde?

Arne Zank: Nein, aber ich habe genauso wenig gedacht, dass es uns nicht so lange geben würde. Wir haben einfach nicht weiter darüber nachgedacht. Das Beglückende, als wir uns kennengelernt haben, war, dass man dachte, damit kann man eigentlich alles anfangen. Ich dachte es kann ewig gehen, aber wenn nicht, dann machen wir vielleicht etwas ganz anderes zusammen. Vielleicht ein Architekturbüro.

Dirk von Lowtzow: (lacht) Das Haus würde ich gerne sehen!

Arne Zank: Ja, was da für schiefe Türme bei raus gekommen wären, weiß ich auch nicht. Aber es war tatsächlich ein Moment, in dem ich dachte, alles geht.

Mittlerweile sind Tocotronic sogar in einem Micky-Maus-Comic aufgetaucht.

Dirk von Lowtzow: Ja, die Geschichte heißt „Die neue Monotronic“ und es geht um die neue Platte der Gruppe Monotronic. Die Band taucht dann auch auf, das sind drei Typen mit beknackten Frisuren, so Entenfiecher.

Arne Zank: Die Hefte werden ja übersetzt, somit hat uns vermutlich ein Übersetzer gewürdigt, was uns als Comic-Fans natürlich sehr beglückt hat.

Ein Highlight der letzten 20 Jahre?

Dirk von Lowtzow: Definitiv (lacht). Weiter kann man nicht mehr kommen. Yps vielleicht noch. Uhrzeit-Tocotronics zum selber züchten.

Lebenshilfe:

Tocotronic – „Wie wir leben wollen“ (Universal Music), 25.Januar 2013

www.tocotronic.de

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